Kettcar : Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen

Was für eine Bürde!? Mit ihrem Debütalbum haben Kettcar alle einstigen Indie-Vorreiter (früher mal Hamburger Schule genannt) abgelöst. Haben wie kaum eine andere Band einen Konsens geschaffen, den sie selbst kaum gewollt hätten oder überhaupt erkennen möchten. Haben ein Vakuum gefüllt, von dem man nicht wusste, dass es da war. Jetzt folgt die Fortsetzung, die sicher am meisten ersehnte, seit Thees Uhlmann die erste Oasis-Platte in seinen Händen hielt. Apropos Thees: Der ist ja super begeistert. Schon von Berufs wegen könnte man meinen, wenn es jemand anderes wäre. Soviel zur Ausgangssituation. Der erste Kontakt gestaltet sich schwierig. Die wunderschöne Promo läuft einmal durch, läuft zweimal durch. Es will keine rechte Begeisterung aufkommen. Kann das wahr sein? Kettcar? Ja, es ist alles vorhanden. Was ist los? – Rückblick: 2002, the year Schwachsinn broke. Alle Welt bejubelt die neue Supergroup: Kettcar heißt die, hat ein befindlichkeitsfixiertes Album auf dem neuen Heim für alle Ex-Punkrocker und Intellektuellenbewegungen. Hype-Gefahr und meine Wenigkeit versteht überhaupt nichts, findet das Album langweilig. “Ich danke der Academy” läuft und hat mich. Irgendwie findet die CD doch noch ihren Weg in meinen Player und das Album wächst. Und tut dies tatsächlich nach wie vor. “Landungsbrücken raus” kann ich inzwischen leiden, “Im Taxi weinen” ist immer noch doof. Bekommt jemand die Verbindung zum neuen Kettcar-Baby mit? Es sind nun Wochen vergangen, in denen zwischendrin immer wieder der Griff zum Debüt stattfand, doch plötzlich blitzen unwillkürlich immer wieder Textfragmente aus “Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen” im Kopf auf. Ich wage eine Voraussage: Sie werden mich kriegen! Einige formale Kommentare zum Schluss noch. Die Aufbruchsstimmung ist der Band ein wenig abhanden gekommen. Ein erstes Album macht man schließlich nur ein einziges Mal. Das Aufgekratztsein ist einer Abgeklärtheit oder auch Resignation gewichen, was sich auch in den Texten von Marcus Wiebusch zeigt. Diese sind scheinen persönlicher und viel weniger weit gefasst zu sein, als es noch in der Vergangenheit der Fall war. Das könnte gemeinsam mit dem privaten Wiebusch-Code zu einigen Identifizierungsproblemen führen. Wahrscheinlich müssen Kettcar dieses Mal mehr erklären als beim Debüt.
(Grand Hotel van Cleef / Indigo)
