Lebensentwürfe einer gelungenen Trilogie
"Man achtet nie genug auf die Menschen, denen man begegnet." — Ein Satz, der in Un couple épatant fällt und charakteristisch für Lucas Belvaux"™ herausragende Trilogie ist: Denn wer hier als Nebenfigur auftaucht, ist Protagonist in einem der anderen beiden Teile. Ein spannendes Experiment, das Nebenfiguren in einem gänzlich neuen Licht erscheinen lässt.

Eine Komödie, ein Thriller, ein Melodram: Belvaux versieht seine Filme mit Etiketten. Er greift dabei jedoch nicht stur zum wasserfesten Edding und weigert sich auch entschieden, isolierende Deckel auf die Marmeladegläser zu schrauben. Die Beschriftungen sind eher als Stimmung gebendes Leitmotiv zu verstehen. Die drei Filme stehen in direktem Zusammenhang miteinander. Dass die Zutaten sich dabei vermischen, gehört zum Programm. Belvaux lässt eine Hand voll Figuren in einer französischen Kleinstadt und verschiedenen Genres auftreten, was den Geschichten eine immer andere Tönung verleiht. In welcher Reihenfolge der Zuschauer die Trilogie sieht, spielt keine Rolle, die Filme überlagern sich zeitlich. Mit der Komödie “Un couple épatant” zu beginnen, macht jedoch Sinn. Dieses leichteste Genre eignet sich besonders, die Figuren kennen zu lernen. Das Verwirrspiel erzählt von Alain, der eine bevorstehende Operation vor seiner Frau Cécile verheimlicht, um sie nicht zu ängstigen. Diese spürt, dass ihr Mann ihr etwas verschweigt und lässt ihn beschatten, was wiederum Alain bemerkt und voreilige Schlüsse zieht. In den anderen Teilen wird man den beiden wieder begegnen, was den großen Reiz der Trilogie ausmacht: Wie ein Puzzle setzen sich die Geschichten zusammen. Man giert zu erfahren, was hinter kurz angeschnittenen Schicksalen der Nebenfiguren steckt – was dieser Fremde in Céciles Landhaus verloren hat beispielsweise.
Bruno heißt er und ist Protagonist des "zweiten" Teils: Nach 15 Jahren im Hochsicherheitstrakt findet der linke Aktivist eine veränderte Welt vor: Seine ehemaligen Mitstreiter sind entweder inhaftiert, tot oder in die Bürgerlichkeit geglitten. Nur er hält am Glauben fest, das Proletariat befreien zu müssen. Er befindet sich auf der Flucht und verhält sich dabei schrecklich sichtbar: eine Bombe explodiert, ein Mann wird erschossen. In der Komödie hat man Bruno (verkörpert von Belvaux höchstpersönlich) als Randfigur erlebt, deren Hintergrund man nicht kannte. Nun, im Thriller “Cavale”, offenbart er sich als Terrorist, der unschuldige Opfer mit veralteten Kampfparolen rechtfertigt. Sein unkontrollierbarer Weg ist beängstigend, die Kameraarbeit passt sich seinem Kampf an.
Nach dem gelösten Grundton der Komödie wirkt der düstere Nachfolger wie eine schallende Ohrfeige, doch Belvaux geht, wie der Titel des Melodrams, “Après la vie”, bereits vermuten lässt, noch einen Schritt weiter: Ein Dealer beliefert den Polizisten Pascale mit Drogen, dafür lässt dieser ihn ungeschoren seinen Geschäften nachgehen. Moralisch gesehen nicht gerade lupenrein, für Pascale jedoch der scheinbar einzige Ausweg: Seine Frau (sensationell: Dominique Blanc) ist drogensüchtig. Mit Pascale haben wir in der Komödie als gänzlich unsympathischer "Privatdetektiv" Bekanntschaft gemacht. Hier offenbart sich die Genialität der Trilogie: Der Kontext hinter seinen Worten und Taten beginnt sich unerwartet zu drehen, man beginnt zu verstehen"¦ Die noch offenen Fragen fügen sich zu einem facettenreichen Ganzen.
Mit Lucas Belvaux, der sich bislang eher als Darsteller hervorgetan hatte und zuletzt 1996 Regie führte (Pour Rire!), steht ein beachtliches Talent hinter einem bemerkenswerten cineastischen Experiment, das aufgeht: Belvaux macht süchtig!
Un couple épatant – Ein tolles Paar (97 Min.)
Cavale – Auf der Flucht (111 Min.)
Après la vie – Nach dem Leben (123 Min.)
Frankreich 2002
Regie: Lucas Belvaux
Mit Ornella Muti, Gilbert Melki, Lucas Belvaux, Dominique Blanc, François Morel
Bilder: Koolfilm
