Liebe statt Lithium
Zach Braff präsentiert mit Garden State ein herausragendes Regiedebüt!
Erstmals seit neun Jahren besucht Andrew anlässlich der Beerdigung seiner Mutter seinen Heimatort im Garden State New Jersey. Er trifft auf Verwandte und alte Bekannte, schiebt ein “klärendes Gespräch” mit dem Vater vor sich her, erlebt eine ausgefallene Sight-Seeing-Tour durch die Umgebung, blickt in einen ewigen Abgrund und verliebt sich.
Zach Braff (bekannt aus der Krankenhaus-Sitcom “Scrubs”), zugleich Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller, weigert sich bei diesem voll gefüllten Wochenende, dem klassischen 3-Akter zu folgen, bei dem Plot Points minutiös vorbestimmt sind. Er schickt seinen Protagonisten auf einen Selbstfindungstrip, der wie das Leben selbst ist: Es gibt (auch formal) keine Regeln. Filmemacher wie Wes Anderson operieren so, Drehbuchautoren wie Charlie Kaufman schreiben nach diesem scheinbaren “Nicht-Schema”. Und genau das macht die resultierenden Filmproduktionen so überraschend und herzhaft. Der lethargische Protagonist, dem die Mutter ein Hemd aus dem auffälligen Tapetenstoff des Badezimmers geschneidert hat, könnte einem Film von Anderson entspringen; mitsamt Vater, der seinen Spross jahrelang mit “glücklich machenden” Medikamenten ruhig stellt, welche seinen Sohn jedoch nur gefühllos werden ließen; oder der “Hamster-Adventure-Park”, der das Wohnzimmer seiner neuen Liebe Sam ausfüllt. Daneben sitzt ihr afrikanischer Adoptivbruder und nimmt Fingerabdrücke von der Fernbedienung. All dies ähnelt etwa der liebenswert versponnenen Welt von Andersons “Tenenbaums”; Tenenbaums, die sich – der Rahmenhandlung zufolge – in Mike Nichols “Reifeprüfung” versuchen. Trotz des niedrigen Budgets von 2,5 Mio. Dollar wandeln namhafte Darsteller wie Natalie Portman und Sir Ian Holms durch die zauberhafte Komödie, unterlegt mit musikalischen Perlen von Coldplay, Nick Drake, Simon & Garfunkel und Zero 7. – Braffs ausgereiftes Drehbuch überzeugte. Er wollte eine interessante, ehrliche Komödie über heutige Mittzwanziger schaffen, die “nicht mehr einfach so heiraten. Deshalb haben sie mehr Zeit, sich zu hinterfragen und alles andere um sich herum.” Seinen Figuren verleiht dieser Anspruch den nötigen, komplexen Tiefgang. Es ist nicht nur ein ereignisreiches Wochenende für Andrew, sondern auch das, an dem er nach über zehn Jahren die Lithiumpillen absetzt. Langsam taut er aus seinem isolierten, gefühlsarmen Zustand auf und entdeckt mit Hilfe von Sam (Portman) erstmals das Gefühl von “Zuhause”: “Vielleicht ist ja Familie genau das. Eine Gruppe von Leuten, denen derselbe imaginäre Ort fehlt.”
Garden State
USA 2004
Regie: Zach Braff
Mit Zach Braff, Natalie Portman, Sir Ian Holm, Peter Sarsgaard, Method Man u. a.
Verleih: Buena Vista International
109 Minuten
