Bosnische Julia trifft serbischen Romeo
Bosnisch-Kroatisches Grenzland 1992. Vor dem Ausbruch des Balkankonfliktes spielt der neue Film von Emir Kusturica. Thematisch ist es eine Romeo-und-Julia-Geschichte im Balkan-Style. Stilistisch ist "Das Leben ist ein Wunder" unverkennbar mit der Handschrift des Regisseurs gezeichnet.

Luka (Slavko Stimac), der Hauptprotagonist, ist mit seiner Frau, der Opernsängerin Jadranka und Sohn Milos in das bergige Hinterland gezogen, um als Bauingenieur den Bau einer halbfertigen Zugstrecke zu überwachen. In der Zufriedenheit der kleinen Welten lässt sich das nahende Unheil nicht ahnen. Dann geht alles sehr schnell. Während eines Fußballspiels fallen serbische Rebellen in Bosnien ein. Nach Kriegsausbruch wird Sohn Milos von bosnischen Rebellen gefangen genommen. Als Pfand dafür beschaffen serbische Bekannte Luka die Bosnierin Sabaha, die er gegen Milos austauschen will. Seine Frau Jadranka verlässt ihn und in all diesem Trubel beginnt eine mit Herbstlaub und Granateinschlägen garnierte Liebe zwischen Sabaha und ihm.
Der Film wirkt wie Kusturicas melancholische Abhandlung über das ehemalige Jugoslawien, den Krieg und die Liebe. Die kleinen und großen Konflikte werden in eine verrückte Märchenwelt verpackt. Und darin scheint es beispielsweise normal, wenn dieses Mal ein liebeskranker Esel auf den Bahngleisen steht um sich das Leben zu nehmen oder wenn während eines Bombenangriffs Schach einfach weiter mit Marmelade festgeklebten Figuren gespielt wird oder Kroaten als Braunbären dargestellt werden. Mit Blasmusikuntermalung schreien, rennen und feiern die skurrilen und absurden Einzelschicksale wild miteinander und scheinen mehr auf den Makrokosmos Welt zu verweisen als derzeit kritisiert wird.

Bald nachdem “Das Leben ist ein Wunder” die Auszeichnung für den besten Film der Europäischen Union 2005 erhielt, fand sich der Moslem Emir Kusturica dem Vorwurf ausgesetzt, sein Film sei politisch unkorrekt und wurde einer pro-serbischen Haltung bezichtigt, welche die Opfer “nazifiere” und die Täter verteidige. Der Ruf nach einer Filmzensur wurde in Großbritannien bei einer zwei Sekunden langen Sequenz laut, in der sich die immerzu hungrige Katze auf eine Taube stürzt und sie verspeist. Als Begründung dafür wurde die symbolische Bedeutung der Taube angegeben. Schockiert darüber und unverstanden fühlte sich der sensible Wilde und gab bei der Zeitung Le Monde bekannt, er werde mit dem Filmemachen aufhören. Doch scheint dem nicht so zu sein. Die gerade stattfindenden 58. Filmfestspiele von Cannes leitet Emir Kusturica und sein nächstes Projekt, ein Dokumentarfilm über das Leben des argentinischen Fußballstars Diego Maradona, ist geplant.
Die Fesselung des Zuschauers durch optische Reize erlangt Kusturica durch karnevalistische Sauf- und Kampforgien im Stil balkanischer Folklore und seinen teilweise sehr bitteren Slapstickhumor. Neben der erzählten Geschichte finden sich weitere kleine Geschichten. Musik ist überall im Film zu finden. Die Band The No Smoking Orchestra begleitet die Filmhandlung und erhebt sich in vielen Momenten für die eigene Präsentation über die Filmstruktur. Ein Fußballkrawall ist wichtiger als der Ausbruch des bosnisch-serbischen Krieges und es wird mehr auf der Mundharmonika gespielt als geschossen, auf das Kanonenrohr eines Panzers setzt Kusturica eine weiße Taube. (Er entscheidet sich letztendlich eher für Klamauk und Prügelei und schon lange wurde nicht mehr so sehenswert im Kino gekloppt.)
In “Underground” sagt der Betrüger Marko gegen Ende des Films: “Das ist der wirkliche Krieg, der endgültige. Wenn der eigene Bruder die Hand erhebt gegen den Bruder”. Diese Aussage findet sich in “Das Leben ist ein Wunder” gespiegelt wieder, wenn die bosnische Julia den serbischen Romeo trifft. Und wenn Luka am Ende zu einem neuen, noch von der Welt verschonten Ort aufbricht, lässt sich hinter dem tragikomischen Spektakel ein leiser Optimismus erkennen.
Das Leben ist ein Wunder
Frankreich/Serbien 2004
Regie: Emir Kusturica
154 Minuten
Start: 16.6.2005
